kununu’s neue kununity – eine kritische Betrachtung

Das im deutschsprachigen Raum wohl bekannteste Arbeitgeberbewertungsportal kununu schrieb zweifelsohne innerhalb der ersten 10 Jahre seit seiner Gründung eine Erfolgsgeschichte: Beachtliche 76 % aller jobsuchenden oder wechselinteressierten Arbeitnehmer besuchen heute auf kununu das Unternehmensprofil eines potenziellen Arbeitgebers, um anhand der dort von (Ex-)Mitarbeitern, Bewerbern und Auszubildenden hinterlegten persönlichen Bewertungen einen tieferen Einblick oder weitere Informationen zu erhalten, die für eine eigene Entscheidung über eine Anstellung relevant sein könnten.

In seinem 10. Jubiläumsjahr ergänzt kununu nun sein Portal um eine interaktives Feature, die neue kununity: Aktuelle und ehemalige Mitarbeiter, Praktikanten, Freelancer, Auszubildende, Bewerber, Freunde und Verwandte von Mitarbeitern (und die Arbeitgeber durch authentifizierte Unternehmensvertreter selbst) bilden die kununity, in dem sie – (bis auf die Arbeitgeber selbst) anonym! –  Fragen über das Unternehmen beantworten, die von – anonymen! – Nutzern zuvor öffentlich auf dem Portal gestellt worden sind. Jeder kann mitmachen – keiner muss sich outen.

 

Kununu skizziert bereits vor dem Start im November 2017 beispielhafte Szenarien, wie

 

  • „Stimmt es, dass in der Buchhaltung öfter die Fetzen fliegen“
  • „Dürfen Azubis im ersten Jahr wirklich nur Kaffee kochen?“
  • „Wie werden hier eigentlich Gehaltsverhandlungen gehandhabt.“

 

Ziel von kununu ist es nach eigenen Aussagen, volle Transparenz am Arbeitsmarkt zu schaffen. Dadurch, dass Insider des Unternehmens persönlich antworten und ihre individuellen Insights preisgeben will man die „gern verwendeten Unternehmensfloskeln einem Reality-Check unterziehen“, so kununu.

 

Wir sehen das zwiespältig.

 

Einerseits stimmen wir zu: Viele Unternehmen bieten heute noch viel zu wenig Transparenz.

 

Es für Kandidaten tatsächlich schwierig bis unmöglich, sich ein greifbares und differenziertes Bild über einen Arbeitgeber zu machen. In den meisten Stellenanzeigen und Karriereseiten lesen Nutzer immer und immer wieder dieselben, blankpolierten buzzwords und uniforme Versprechen von flachen Hierarchien, flexiblen Arbeitszeiten, attraktiven Perspektiven, hoher Gestaltungsfreiheit oder einem traumhaften Team. Konkrete Beispiele bleiben meist aus. Hier haben viele Arbeitgeber ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht oder noch schlimmer: deren Bedeutung noch nicht erkannt und daher gedankenlos ihre Marketingabteilung beauftragt, ein chices Image zu schaffen.

Stattdessen verpassen viele Arbeitgeber die Chance, sich selbstkritisch einem Reality-Check zu unterziehen und zu überlegen, was dieses Unternehmen individuell ausmacht – zusammen mit den Mitarbeitern natürlich! Und selbst wenn man dabei auf Schwachstellen oder Verbesserungspotenzial stößt – Ehrlichkeit und Selbstkritik sind selten k.o. Kriterien für Bewerber, im Gegenteil.

 

Anderseits widersprechen wir vehement: Ist volle Transparenz wirklich zielführend?

 

Zum einen finden wir, dass es schwierig sein dürfte, eine anonym verfasste Antwort auf Objektivität oder gar Beurteilungsrelevanz zu prüfen. Handelt es sich wirklich um aktuelles und fundiertes Insider-Wissen?
Zum anderen behagt uns nicht, dass kununu mit den genannten Beispielen bereits eine negativ-kritische Richtung impliziert. Keine Frage: wir finden es grundsätzlich gut, wenn über dieses Feature Informationslücken schnell und unkonventionell geschlossen werden – bravo!  Doch ist auch zu befürchten, dass vor allem jene indiskreten Antwortgeber angelockt werden, die einfach nur mal Dampf ablassen wollen, ohne über die weitere Wirkung nachzudenken: was geschrieben steht, steht geschrieben, ganz egal wie hoch die Bedeutung im Gesamtkontext ist. Vielleicht „fliegen die Fetzen in der Buchhaltung ja schon längst nicht mehr“ oder vielleicht war es wichtig und heilsam, dass „die Fetzen geflogen sind.“ So kann es leicht passieren, dass eine Momentaufnahme womöglich zum Missverständnis führt, wenn keine Aufklärung folgt. Ist das dann „volle Transparenz“? Hilft das einem Interessenten wirklich weiter?

 

Und überdies: wir geben zu bedenken, dass manche Anbieter letztlich auch mit der Unzufriedenheit von Arbeitnehmern ihr gutes Geschäft machen – sei sie künstlich gemacht oder objektive Realität, denn: natürlich muss sich das Personalkarussell in Jobbörsen, Profildatenbanken und Talentpools immer weiter drehen, damit der Markt floriert im war of talents.

 

Wie können Unternehmen diesem Debakel entkommen? Indem sie in eigener Sache initiativ werden und Authentizität und Einblick aktiv anbieten. Praktische Tipps, wie dies gelingen kann, geben wir gerne in unseren nächsten Beiträgen in den kommenden Wochen.

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